To The Moon: Geschlechter-Darstellung im Spiel

In vorigen Beitragen habe ich bereits angerissen, dass die Geschlechter-Darstellung der Figuren in To The Moon problematisch ist.  Hier möchte ich darauf etwas näher eingehen.

Im Beitrag zur Pathologiesierung von River beschrieb ich, dass alle drei signifikanten weiblichen Figuren aus Johnnys Erinnerung mit einem psychischen Leiden kodiert werden. Zum einem ist dort River, Johnnys verstorbene Ehefrau, mit einer Asperger-Diagnose, dann Isabelle mit einer Asperger ähnlichen Diagnose und es gibt Johnnys Mutter die den Tod von Joey, Johnnys Bruder, nie überwunden hat und sich einbildete Johnnny sei Joey. Die Markierung von Frauen mit psychischen Leid ist eine Strategie der Abwertung von Weiblichkeit, die eine längere Geschichte hat. Hierfür kann man auf die Kritik an der Psychoanalyse zurückgreifen, die im 19. und 20. Jh. Frauen mit Hilfe der Diagnose der „Hysterie“ marginalisierte. Auf audioarchiv  und suite101 sind interessante Audiobeitrage oder Einführungen zu dem Thema verfügbar. In To The Moon wird Handlung ebenfalls darauf aufgebaut, dass alles was für den Mann Johnny seltsam ist, ein Ausdruck von Psychosen bei Frauen ist.

Interessant ist ebenfalls, sich die Geschichte von To the Moon in der richtigen Reihenfolge zu verdeutlichen. River und Johnny trafen sich im Grundschulalter auf einem Jahrmarkt. Sie haben sich gemeinsam den Sternenhimmel angesehen und mit Hilfe des Mondes das „Sternenbild des Hasen“ konstruiert. Johnny schenkte ihr ein Plüsch-Schnabeltiert und einen Hacky Sack. Sie verabredeten sich im kommenden Jahr zur gleichen Zeit am gleichen Ort, oder man trifft sich später, auf dem Mond, dem Bauch im „Sternenbild des Hasen“. Johnny jedoch vergaß diesen Moment, weil er nach dem Tod von Joey medikamentiert wurde.

Die beiden trafen in der Oberschule wieder aufeinander. River führt ununterbrochen das von Johnny geschenkte Plüsch-Schnabeltier mit sich und liest ein Buch über Leuchttürme. (Schon auf dem Jahrmarkt beschrieb sie, dass Sterne für sie Leuchttürme sind, die den Weg durch den Himmel leiten. Diese Faszination für Leuchttürme wird sie nie wieder loslassen. Denn ‚Anya‘, der Leuchtturm  an dem die beiden später ein Haus bauen werden, ist einer der wenigen letzten Leuchttürme der zweiten fresnelschen Ordnung. River möchte diesen bewahren). River geht mit Johnny ins Kino, danach sind sie in der Story des Spiels ein Paar.

Später zeigt sich für River, dass die Verabredung im Kino die erste gemeinsame Erinnerung von Johnny zu ihrer Partnerschaft ist. Er beichtet ihr außerdem sein Motiv für die Verabredung. Johnny will nicht langweilig sein und da River mit ihren unorthodoxen Verhalten als sonderbar galt hat sie sein Interesse geweckt. Für Johnny ist River nur das Accessoire, welches ihn interessant macht. Er degradiert sie zu einem Schmuckstück (Neben der Marginalisierung auf Grund des Frau-sein, ist dies auch auf der Ebene des Krank-sein eine zu kritisierende  Praxis. Krankheit wird hier exotisiert).River ist das passive weibliche Objekt der Begierde des aktiven männlichen Subjektes Johnny. Diese Art von Konstruktion wird schon lange und kontinierlich kritisiert.

River weiß, dass es vor der Verabredung für den Kinobesuch bereits eine gemeinsame Geschichte gibt und versucht mit dem Falten von Origami-Hasen (die das „Sternenbild des Hasen“ darstellen sollen) seine Erinnerung zu aktiveren. Zunächst versucht sie ausschließlich weiße Hasen, dann auch blau-gelbe Hasen zu basteln. Dabei fragt sie Johnny was er in diesen Hasen sieht. Üblicherweise beschreibt er den Hasen, eine Erinnerung an die Jahrmarktszene und das „Sternenbild des Hasen“ wird jedoch nicht geweckt. River stirbt, ohne die Erinnerung geweckt zu haben. Nur das Ziel ‚Anya‘, den Leuchtturm, zu retten hat sie erreicht.

Rivers Leben ist nun vorbei, die Verhandlung ihrer Rolle jedoch geht durch die Remodellierung der Erinnerung Johnnys durch Dr. Watts und Dr. Rosalene weiter. Nach dem die beiden grandios in der Remodellierung der Erinnerung scheitern, entscheidet sich Dr. Rosalene dazu River aus den Erinnerungen Johnnys zu verschieben und Joeys Tod nicht stattfinden zu lassen. River erscheint erst wieder als Johnny für das Astronautenprogramm der Nasa angenommen wird. Beiden fliegen zum Mond.

Abseits ihrer Asperger-Diagnose hat River nur die Funktion Johnny zu begehren und zu schmücken. Ihr Wirken reduziert sich dabei vor allem auf den Versuch eine Erinnerung an das erste gemeinsame Treffen wiederherzustellen. Warum genau sich River dazu entscheidet Origami-Hasen zu basteln und Johnny nicht einfach etwas zu erzählen bleibt unbekannt. Die Macher_innen von To The Moon würden vielleicht mit dem Asperger-Syndrom argumentieren.

Rivers einzige aktive Rolle im Spiel ist es  Johnny, das männliche Subjekt (mit dem sehr männlichen Diskurs/Traum des Astronautenlebens bedient) zu begehren. Darüber hinaus ist sie die Figur, die zur Verhandlungsmasse von Dr. Watts und Dr. Rosalene wird. Sie ist austauschbar und vielleicht sogar hinderlich um Johnnys Wunsch zu erfüllen. Stärker formuliert kann man auch sagen, im Spiel wird die Figur als Verhinderin von Johnnys Wunsch angesehen auf deren Kosten im Spiel die Story am meisten voran gearbeitet wird. Hinzukommt, dass Joey zur Erinnerung Johnnys hinzugefügt wird.  In der Erinnerung wird die weibliche Figur durch die männliche ausgetauscht und die Problemlösung damit eingeleitet. Mit diesem Schritt werden die weiblichen Figuren in Johnny Erinnerung abschließendung und offensichtlich abgewertet.

Frauen haben in der Erzählung von Johnnys Erinnerung nur die Funktion Story-Anlässe durch Psychosen zu liefern oder das Objekt der männlichen Begierde zu sein. Beziehungsqualität, die Figuren in ihrem Leben etwas bringt, unterstützt und hilft Wünsche zu erfüllen, erwächst im Spiel aus dem homosozialem Handeln der männlichen Figuren Johnny, Joey und Nicolas.Dies lässt sich zum eine an der „Wiederbelebung Joeys“, aber auch an der Bewunderung über die Langlebigkeit der Freundschaft zwischen Nicolas und Johnny  sehen.

Das Spiel wird vor allem wegen seiner erzählten Geschichte gefeiert. Diese ist hochemotionalisiert und konfrontiert Spieler_innen mit Tod, Verlust und Lebensträumen. Auch ich dachte zunächst, dass das Spiel gelungen ist. Diese Einschätzung muss ich jedoch revidieren.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s